FORUM ST. PETER in Oldenburg
Gedanken zur Woche

18.6.2017

Jeden Menschen höher schätzen als sich selbst

„Wer Frieden und Ruhe haben möchte, der schätze jeden Menschen höher ein als sich selber.“ Dieser Merksatz aus dem Umfeld von Franz von Assisi klingt so einfach und faszinierend. Aber: Die anderen Menschen höher schätzen als sich selber? Das mag noch angehen im Blick auf Menschen, auf die ich mit Verehrung und Hochachtung schaue, von denen ich lerne. Aber jeden Menschen höher schätzen als mich selber: die schwierigen Kollegen am Arbeitsplatz, die unsympathischen Nachbarn von Nebenan, die traurige alkoholkranke Frau, den undurchschaubaren Afrikaner, der übers Mittelmeer zu uns gekommen ist? Wenn Frieden und Ruhe wirklich nicht anders zu haben sind, so wäre das eine ganz arge Zumutung. Denn es bedeutet: nicht herrschen wollen über andere, sie nicht belehren wollen, sondern: sie ganz ernst nehmen, ganz gelten lassen, ganz hochschätzen – höher als sich selbst.

Kommt nicht viel, wenn nicht gar alles Elend daher, dass wir für andere besser zu wissen meinen, was für sie gut ist? Dann sind wir nicht bei uns, wir fummeln an anderen herum, noch so gut gemeint, aber fast immer verbunden mit einer Haltung der Bevormundung, der Besserwisserei, des mangelnden Respekts.

 




 



Für die Haltung wirklicher Hochschätzung gibt es ein Wort, das heute irgendwie fremd klingt: Demut.  Im Kern ein Programmwort gelingenden Lebens, ein goldener Schlüssel zu Glück und Heil. Demut meint gerade nicht kraftlose Resignation, nicht egoistische Lust an der Selbstabwertung. Allzu oft ist in den Kirchen das große Wort von der Demut missverstanden worden, als solle der Mensch sich selbst schlecht machen, sich erniedrigen, sich dauernd zerknirschen.

Demut ist schlicht eine ganz ehrliche, ganz rückhaltlose Einschätzung dessen, was ich bin: ein begrenzter Mensch aus Nichts. Nur im Gegenüber zu Gott kann ich, so die Erfahrung und die Erkenntnis des Franziskus, mich selbst ehrlich aushalten, ohne mich übernehmen zu müssen. Nur im Glauben an Gottes Liebe und verlässliche Treue, kann ich mich in Schonungslosigkeit annehmen lassen als das, was ich bin. Und je mehr ich das tue, desto weniger Lust werde ich haben, andere zu beurteilen oder gar zu richten.

Gute Wünsche für die Woche aus dem FORUM St. Peter

Klaus Hagedorn